Mein Wecker klingelt um 6:45 Uhr, und noch bevor ich die Augen richtig öffne, rechne ich im Kopf. Wie viel ist diesen Monat noch auf dem Konto? Reicht die Schicht am Donnerstag, um die Nebenkostennachzahlung abzufangen? Willkommen im Studium 2026: Es ist eine der aufregendsten Phasen des Lebens, aber auch eine der anstrengendsten.
Morgens: Das Rechnen beginnt vor dem Frühstück
Das Thema Wohnen bestimmt bei fast allen meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen die Grundstimmung. Zu Beginn des Sommersemesters 2026 zahlten Studierende im Schnitt 512 Euro für ein WG-Zimmer, ein neuer Rekordwert. Die Wohnkostenpauschale im BAföG liegt seit Jahren unverändert bei 380 Euro. Die Lücke von über 130 Euro im Monat muss irgendwie gefüllt werden, durch Eltern, Ersparnisse oder Nebenjobs.
In den großen Hochschulstädten sieht es noch deutlicher aus. Laut dem Hochschulstädte-Scoring 2026 ist München mit durchschnittlich 850 Euro die teuerste Stadt, Berlin und Hamburg liegen bei 650 und Köln bei 640 Euro. Das Statistische Bundesamt meldete im Juli 2026, dass Studierende 54 Prozent ihres Einkommens für die Miete aufwenden und zwei Drittel der Studierenden-Haushalte als überlastet gelten.
Auf Besserung hoffen viele von uns zunächst vergeblich. Die für das Wintersemester 2026/27 geplante Erhöhung der BAföG-Wohnkostenpauschale wurde auf das Sommersemester 2027 verschoben. Für alle, die jetzt mitten im Studium stecken, ist das ein bitterer Beigeschmack.
Vormittags: Hörsaal, Seminar, Bibliothek
Jetzt kommen die schönen Seiten. Ich sitze im Seminar, diskutiere über Themen, die mich wirklich interessieren, und merke, wie sich mein Blick auf die Welt verändert. Das ist das Beste am Studium: die Freiheit, Fragen zu stellen, ohne sofort eine verwertbare Antwort liefern zu müssen. Dazu kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten, Lerngruppen, die zu Freundschaften werden, und Dozierende, die einen manchmal wirklich fördern.
Gleichzeitig ist der Leistungsdruck allgegenwärtig. Die Angst vor schlechten Noten, die Sorge um den späteren Berufseinstieg und der ständige Vergleich mit anderen, die scheinbar alles mühelos hinbekommen, begleiten mich im Hintergrund.
Mittags: Zwischen Mensa und Minijob
Mittags gibt es günstiges Essen in der Mensa und oft nur eine kurze Pause, bevor die nächste Verpflichtung ruft. Viele von uns jonglieren Vorlesungen, Nebenjob und private Verpflichtungen. Das sieht man auch in den Zahlen: Laut dem TK-Dossier 2026 fühlen sich 86 Prozent der Studierenden zumindest manchmal gestresst, 41 Prozent sogar häufig. Vor der Pandemie lag dieser Wert bei 23 Prozent.
Ein Nebenjob ist für viele keine Option, sondern Notwendigkeit. Er bringt Erfahrung und ein Stück finanzielle Unabhängigkeit, kostet aber Zeit, die dann beim Lernen, bei der Erholung oder bei Freunden fehlt. Politische Äußerungen, es sei kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben, kommen bei denen, die das jeden Tag stemmen müssen, entsprechend gemischt an.
Nachmittags: Wenn der Kopf nicht mehr will
Ich gebe es offen zu: Es gibt Tage, an denen ich vor dem Laptop sitze und nichts mehr aufnehme. Damit bin ich nicht allein. Rund 35 Prozent der Studierenden weisen laut TK-Dossier eine hohe oder sehr hohe emotionale Erschöpfung auf, und die psychische Gesundheit hat sich seit 2015 spürbar verschlechtert.
Eine Befragung unter Studierenden an der Universität Halle nennt einen weiteren Faktor: Einsamkeit gilt dort als stärkster Prädiktor psychischer Belastung, und WG-Bewohnerinnen und -Bewohner berichten die niedrigste Belastung. Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Die Abende in der Küche, an denen jemand fragt, wie der Tag war, sind mehr wert als jede Lernapp.
Was mir persönlich hilft, sind kleine Routinen:
- feste Lernblöcke mit echten Pausen statt ständigem Dauerlernen
- ein Spaziergang zwischen zwei Aufgaben, auch wenn es nur zehn Minuten sind
- regelmäßige Verabredungen, die ich nicht absage, wenn die To-do-Liste lang ist
- das Wissen, dass Beratungsangebote der Hochschule und der Studierendenwerke existieren und man sie nutzen darf, bevor es richtig schlimm wird
Abends: Kleine Siege
Abends gibt es die Momente, für die sich das alles lohnt: die bestandene Klausur, die man schon abgeschrieben hatte, das Gespräch bis nach Mitternacht über Gott und die Welt, der Abend in der Hochschulgruppe, in dem man merkt, dass man etwas bewegen kann. Ich lerne nicht nur Fachwissen, sondern auch, mit Unsicherheit umzugehen, mir Hilfe zu holen und mit wenig auszukommen, ohne unzufrieden zu werden.
Fazit: Studieren 2026 ist beides
Das Studium im Jahr 2026 ist ein Wechselbad. Es bietet Freiheit, Neugier und Gemeinschaft, aber auch finanziellen Druck, steigende Mieten und ein hohes Stressniveau. Hier ist vor allem die Politik gefragt: bezahlbarer Wohnraum, ein BAföG, das mit der Realität Schritt hält, und niedrigschwellige Unterstützung bei psychischen Belastungen. Bis dahin helfen uns Netzwerke, ehrliche Gespräche und die Erkenntnis, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist.
Wenn du gerade studierst: Du machst das besser, als du denkst. Und wenn du einen schlechten Tag hast, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass du dir etwas Anspruchsvolles vorgenommen hast.
Quellen und weiterführende Links
- Deutsches Studierendenwerk: Mietbelastung für Studierende bleibt enorm (Hochschulstädte-Scoring 2026)
- Hessenschau: BAföG reicht nicht, so viel müssen Studierende in Hessen fürs Wohnen bezahlen
- Studierendenrat Uni Halle: Umfrage zu psychischer Belastung (PDF)
